Aus der Praxis: Vino-PV in Gaiselberg
In Gaiselberg steht die erste netzgekoppelte Agri-Photovoltaik-Anlage über Weinreben in Österreich.
Name der Anlage: Agri-PV Gaiselberg
Ort: 2225 Gaiselberg, Weinviertel (Niederösterreich) – KG Gaiselberg (KG-Nr. 6109), Grundstücke Nr. 1519/1, 1519/2, 1520/1–1520/4 und 1526
BetreiberIn: RWA Raiffeisen Ware Austria AG, Raiffeisenstraße 1, 2100 Korneuburg
Multifunktionale Anlagenart: Agri-PV (Photovoltaik über Weinreben – Weinbau)
Anlagengröße (in m2 oder ha): ca. 1,9 ha (Fläche innerhalb der Einzäunung); bewirtschaftete Rebfläche rund 1 ha; Zaunlänge 713 m
Installierte Leistung in kWp: 961,6 kWp (DC, lt. Systemdokumentation). AC-seitig 880 kW (PV-Wechselrichter) + 108 kW (Batteriespeicher) = 1.076 kVA gesamt;
Technische Beschreibung der Anlage
PV-Module: HT-SAAE HT48-18X(PD)-F – bifaziale Glas-Glas-Module mit erhöhter Lichtdurchlässigkeit (38 %), speziell für Agri-PV. Leistung 360 Wp je Modul, 2.560 Module (DC-Gesamtleistung 961,6 kWp lt. Systemdokumentation). Monokristallin, Half-Cut, 96 Zellen, Modulmaße 2.278 × 1.134 × 30 mm, Wirkungsgrad 13,9 %, max. Systemspannung 1500 V, bifazialer Mehrertrag bis zu 30 %. Fixe Ausrichtung, keine Nachführung.
Aufständerung & Ausrichtung: Ost-West-System, Modulneigung 15°; die Modulflächen sind nach Südost und Nordwest ausgerichtet. Firsthöhe rund 4 m, Stützenabstand ca. 3 m; die hohe Aufständerung ermöglicht die durchgehende Bewirtschaftung der Reben unter den Modulen, die Unterkonstruktion dient zugleich als Abspannung der Rebzeilen.
Wechselrichter: Dreiphasige Strangwechselrichter von Huawei – 16 × SUN2000-50KTL und 2 × SUN2000-40KTL (AC-Gesamtleistung 880 kW)
Batteriespeicher / Hybridanlage: Huawei LUNA2000-215-2S10 Smart String ESS neben der Trafostation. LFP-Technologie, Nennkapazität 215 kWh, PCS-Nennleistung 108 kW (108 kVA), Lade-/Entladerate 0,5 C
Netzanschluss / AC-Seite: Trafostation FEAG TKS1800 (800 kVA). AC-Gesamtleistung 1.076 kVA (880 kW PV-Wechselrichter + 108 kW Speicher).
Stringdesign, Sicherungs-/Abschalteinrichtung, Überspannungs-/Blitzschutz: DC-seitige Strangverkabelung zu den Wechselrichtern, AC-Sammler mit Überspannungsableiter Typ II und DC-Schutzschaltern. Netz- und Anlagenschutz (NA-Schutz) vorhanden; integrierte Fehlerstrom-, Isolationswiderstands- und Inselbildungserkennung. Erdung und Potentialausgleich gemäß Norm.
Stromnutzung, Einspeisung & Vertrag: Volleinspeisung (100 % Einspeisung)
Betrieb & Wartung (O&M), Monitoring & Messeinrichtung: Jährliche Sichtprüfung sowie wiederkehrende Prüfung mindestens alle 3 Jahre gemäß OVE E 8101; präventive, prädikative und korrektive Wartung durch qualifiziertes Personal. Monitoring-System mit Datenlogger sowie Einstrahlungs- (Pyranometer) und Wettersensoren; Abrechnung am Zählpunkt des Netzanschlusses (Volleinspeisung).
Innovationskraft der Anlage
In Gaiselberg steht die erste netzgekoppelte Agri-Photovoltaik-Anlage über Weinreben in Österreich. Auf derselben Fläche werden erneuerbarer Strom und Qualitätsweinbau kombiniert, ohne zusätzliche Bodenversiegelung – der Boden bleibt vollständig landwirtschaftlich nutzbar. Die semitransparenten Module (38 % Lichtdurchlässigkeit) verschatten die Reben teilweise: Sie schützen die Trauben vor Sonnenbrand, reduzieren den Hitzestress und schaffen stabilere, etwas langsamere Reifebedingungen. Das erlaubt eine präzisere Bestimmung des Lesezeitpunkts und gezielte Einflussnahme auf die Weinstilistik. Die Unterkonstruktion erfüllt eine Doppelfunktion: Sie dient zugleich als Abspannung der Rebzeilen.
Flächennutzung: Die vormalige reine Ackerfläche wurde im April 2024 in einen Weingarten umgewandelt. Unter den Modulen wachsen gezielt ausgewählte Rebsorten – Weißburgunder, Grüner Veltliner sowie die pilzwiderstandsfähige Sorte Souvignier Gris –, um die unterschiedlichen Reaktionen der Reben auf die teilbeschatteten Bedingungen zu beobachten. Da klassische Überzeilenmaschinen nicht eingesetzt werden können, verschiebt sich die Bewirtschaftung stärker zur qualitätsorientierten Handarbeit und Handlese – ein Ansatz, der im Premiumweinbau ohnehin an Bedeutung gewinnt.
Wissenschaftliche Begleitung / Erkenntnisse: Die Anlage wurde 2025 errichtet und ist seit Anfang 2026 in Betrieb; langfristige Aussagen zu Ertrag und Weinqualität werden daher noch zurückhaltend getroffen. Beim Wasserhaushalt führt die Ost-West-Ausrichtung (Südost/Nordwest) zu ungleichmäßigem Abtropfen der Niederschläge und damit zu Unterschieden zwischen den Reihen; dieser Effekt relativiert sich nach etwa zwei Jahren, sobald die Wurzeln tief genug reichen. Eine kontrollierte Bewässerung über eine Zisterne mit gesammeltem Regenwasser wäre möglich, wird derzeit aber nicht als zwingend notwendig angesehen. Ergänzend liefern die Erfahrungen aus dem Öko-Solar-Biotop Pöchlarn (Projektpartner Frutura) Erkenntnisse zur gleichmäßigeren Wasserverteilung und zum Erosionsverhalten unter hoch aufgeständerten Modulen.
Beschreibung der Umweltfaktoren der PV-Anlage
Flächenpflege & Erosionsschutz: Die Umwandlung der Ackerfläche in einen Weingarten stellt bereits eine ökologische Aufwertung dar. Die Zwischenfahrgassen werden dauerhaft begrünt (Saatmischung „Weingarten II“), was bei der Hangneigung von rund 6 % einen wirksamen Erosionsschutz bietet und zugleich eine dauerhafte Grün- und Blühstruktur schafft. Bewirtschaftet wird mit leichten Maschinen, um Bodenverdichtung zu vermeiden; die Flächenpflege erfolgt über Mahd bzw. Begrünung der Fahrgassen.
Biodiversitätselemente & Standort: Am nördlichen Anlagenrand ist ein Agroforst-Element vorgesehen: Alle zwei bis drei Reihen wird ein Baum (z. B. Weingartenpfirsich) gesetzt, was Strukturvielfalt, einen Blühaspekt und ökologische Wechselwirkungen fördert. Die Anlage ist mit einem rund 1,80 m hohen Zaun eingefriedet (Schutz der jungen Reben vor Wildverbiss), die Tore öffnen nach innen; bei Bedarf kann eine begrünte Zaunblende ergänzt werden. Standort ist eine ehemalige Ackerfläche im Weinviertel in leichter Hanglage. Erfahrungswerte aus dem Öko-Solar-Biotop Pöchlarn zeigen unter hoch aufgeständerten Modulen eine gleichmäßigere Wasserverteilung und keine verstärkte Bodenerosion.